DANIEL BEERSTECHER: DIE SEHNSUCHT DES WANDERERS ALS TOPOS ZEITGENÖSSISCHER KUNST

von VIVIEN SIGMUND, 2012


„Bei Tage und in der Nacht denkt meine Seele nur an die schönen, hellen Gegenden, die mir in allen Träumen erscheinen und mich rufen.[...] So mancher reist hin und kommt zurück und weiß dann nicht, wo er gewesen ist und was er gesehen hat, denn keiner liebt so innig das Land mit seiner einheimischen Kunst.“ So beschrieben 1796 W.H. Wackenroder und Ludwig Tieck ihre Sehsucht nach den Kunstschätzen Italiens. „Wenn ich unterwegs bin, bin ich glücklich“, schreibt Daniel Beerstecher 2011 über sich selbst.
Es scheinen Korrespondenzen auf zwischen diesen beiden frühen Romantikern und dem jungen zeitgenössischen Künstler: Die Sehnsucht nach der Ferne markiert den Ausgangspunkt für den künstlerischen Schaffensprozess und der Umgang mit diesem emotionalen Aspekt ist von Ehrlichkeit geprägt.

Indes setzt Beerstecher dieses Sehnen in zeitgemäßer Konsequenz in die Tat um. Er bezeichnet sich selbst als einen Wanderer und es kommt nicht von ungefähr, dass die Verwendung des unzeitgemäßen Begriffs Wanderer (anstelle von Weltenbummler, Globetrotter oder Reisender) an Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ von 1818 denken lässt. Wie der Wanderer aus dem 19. Jahrhundert fungiert auch Daniel Beerstecher in seinen künstlerischen Aktionen als eine Art Identifikationsfigur und zugleich als Spiegel für die innere Zerrissenheit des modernen oder besser zeitgenössischen Menschen. Der Kitt, um die Bruchstücke menschlicher Existenz zusammenzufügen, ist für die Romantiker im Naturerleben verborgen und auch Beerstecher erforscht die menschliche Existenz, in dem er ihr Verhältnis zu ihrer Umwelt thematisiert. Doch kehrt er die romantische Innerlichkeit nach außen. Er sucht in der Natur keine Heilung des eigenen Selbst und seine Arbeiten bieten trotz der Schönheit der Naturkulisse keine Linderung. Stattdessen vollzieht er inmitten eines Sehnsuchtsortes eine Handlung, die eine Problemstellung aus einer ungewohnten Perspektive beleuchtet. Er bietet dem entfremdeten Städter damit keinen Rückzugsort, viel eher fordert er ihn heraus, ohne indes offen zu legen, was genau zu tun wäre.

Der Sarek Nationalpark nördlich des Polarkreises im schwedischen Teil Lapplands ist eine schwer zugängliche Wildnis, die letzte in Europa, wie es manchmal heißt. 2005 hat Daniel Beerstecher diesen einsamen und schroffen Landstrich durchwandert und trug dabei einen sündhaft teueren Designer-Anzug. In dem edlen Zwirn sind gesellschaftliche Konventionen ebenso inhärent wie die Bedeutung eines gesellschaftlichen Status. Solchermaßen direkt mit der Natur konfrontiert, wird der abstrakte Statusbegriff auf seine Haltbarkeit hin geprüft. Doch zu sagen, er würde ad absurdum geführt, wäre zu einfach. Denn man entlarvt den Status nicht nur als ein soziales Konstrukt, die während der Aktion entstandenen Fotografien entfalten zugleich ein der Werbung nicht unähnliches Sehnsuchtspotential. Die Unvereinbarkeit von gesellschaftlichem Erfolg und persönlicher Freiheit findet auf den Bildern eine Versöhnung und gebrochen wird dieses Ideal nur, indem Beerstecher unter die Aktionsbilder auch eine Fotografie des nach der Wanderung völlig verdreckten Hemdkragens mischt.

In der Videoarbeit 50°60‘59,50“N / 8°40‘35,30“O von 2007 wird die Natur ins Herz der Zivilisation überführt. Der Künstler unterzieht die Suite eines Frankfurter Nobel-Hotels einer Metamorphose und schafft sich mit Hilfe von Rollrasen, Tannenbäumchen, einer kompletten Zeltausrüstung und Vogelgezwitscher aus dem Laptop eine Art „Hortus Conclusus“ , einen in sich geschlossenen Garten. Der Aussicht auf die imposante Skyline wendet Beerstecher in seiner Naturkulisse denn auch demonstrativ den Rücken zu. Die Kuriosität dieser Zusammenführung von einer schon postromantisch zu nennenden Sehnsucht nach Natur mit dem heutigen technisierten Komfort offenbart nur umso deutlicher die Ambivalenz des Künstlers, der auch hier als Stellvertreter des zivilisierten Menschen fungiert. Technischer Fortschritt? Ja! Soziales Umfeld! Aber gerne! Aber eben nicht auf Kosten der Alternativen. Der Rückzug in die Natur muss eine Option bleiben. Doch erscheint die Natur in ihrer urbanen Umschlossenheit im Zimmer des Hotels seltsam verletzlich. Bei all dem Witz, mit dem Beerstecher die Gegensätzlichkeit von Natur und Gesellschaft im Video inszeniert, bleibt ein Schmerz über die drohende Überflutung der Wildnis durch die Zivilisation zurück.

Anders also als die Romantiker, bei denen die Melancholie über den industriellen Fortschritt eher indirekt mitschwingt, provoziert Beerstecher in seinen Arbeiten ganz zeitgenössisch einen direkten Dialog zwischen den Antipoden Natur und Kultur. Seine Methode hierbei ist das Unterwegssein, das ihm einen Blick von außen auf die kulturellen Strukturen und alltäglichen Muster verschiedener Nationen gewährleistet, und das schließlich in einer als Versuchsanordnung angelegten Aktion gipfelt, in der sich der Künstler selbst dem Erleben aussetzt. Dabei lässt er sich von seiner eigenen Neugierde leiten, die ihn eben gerade nicht nur in die Einsamkeit der Natur sondern auch in die Ballungszentren dieser Welt führt.

Dass die ganze Welt ein Abenteuerspielplatz ist, auf dem sich Touristen einem genau auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Maß an Wildnis aussetzen, mag dem einen mittlerweile normal erscheinen. Beerstecher sieht aus der Warte des Wanderers darin ein Paradox begründet. Aus der Weltsicht der Reiseveranstalter und deren Nutzer wird irgendwann auch die Sahara nur Sand am Meer sein, den der Künstler in klassischer Surferkleidung und mit dem Surfbrett unter dem Arm 2010 durchwanderte. Der während dieser Wüstenwanderung entstandene Film ist aufs Schönste unspektakulär. Die Poesie entfaltet sich hier im schrittweisen Fortbewegen des Protagonisten. Das große Abenteuer, so bleibt dem Betrachter nur zu vermuten, passiert allein im Inneren des Wanderers.

Die vielleicht konsequenteste Fortführung seines Oeuvres ist die Arbeit Travelling Journeyman, die 2011 ihren Anfang nahm. Nach Abschluss seines Studiums sagte sich Daniel Beerstecher von einem sesshaften Leben los und ging, wie er es nennt, auf die Walz. Kunst und Leben sind bei dieser Performance auf Engste miteinander verwoben und Beerstecher wird zur Repoussoirfigur für all jene, die in ihre gesellschaftlichen Strukturen eingebettet bleiben. Sein vorgelebtes alternatives Lebensmodell hinterfragt in radikaler Manier eben jene Konstanzen, die eine an Wachstum und Wirtschaft orientierte Gesellschaft ausmachen: Erfolg, Sicherheit, Besitz, aber auch deren Antipoden Unabhängigkeit und Individualität. Es ist Kunst ohne festen Wohnsitz, Kunst, die permanent in Bewegung bleibt. Kunst, die einfach passiert, ohne Publikum in einem vitalen Prozess, im ständigen Dialog mit sich selbst und den äußeren Einflüssen. Auf diese Weise bleibt die künstlerische Aktion autonom. Sie passiert nicht für die Betrachter, sondern markiert eine körperliche Präsenz in der Zeit, der die Betrachter erst im Nachhinein anhand der dokumentierenden Präsentation aktiv nachspüren müssen. Diese Trennung der Kunstbetrachtung von der eigentlichen Aktion überführt den romantischen Ansatz im Werk von Daniel Beerstecher in einen konzeptuellen und wirft so ein Schlaglicht auf die Ambivalenz von Ratio und Emotion.





1 Wackenrode, W.H.; Tieck, Ludwig: Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders. Stuttgart, 2001. S. 12.