KAILASH
2010 Fotocollagen


KONZEPT (herunterladen: HIER)

Die Berge üben seit Menschengedenken eine Faszination auf uns aus. Als Sitz der Götter, als Herausforderung für Extremsportler, oder als einfaches Wander- und Urlaubsziel ziehen sie uns immer wieder in ihren Bann. Legenden und Mythen umranken die größten und schönsten Berge, Steilwände und Gebirgsketten. Einschlägige Literatur und Bergfilme lassen uns an den Abenteuern wagemutiger Extremsportler teilnehmen, bringen uns diese unwirtschaftliche, raue, aber auch faszinierende Gebirgswelt ins Wohnzimmer und wecken Sehnsüchte nach Abenteuern, unberührter Natur und fremden Kulturen. Trotz, oder gerade wegen großer Gefahren, geht dieser unwiderstehliche Zauber von den Bergen aus. Sonnenaufgänge überm Wolkenmeer, Herausforderungen und Ruhm, wie Dramatik und Schicksalsschläge, türkisfarbenes Wasser von Bergseen, das Gefühl der Erhabenheit, die unterschiedlichsten Felsformationen, Gletscher, Ruhe und Einsamkeit. Wer schon in Bergen unterwegs war, weiß, wie intensiv dieses Naturerlebnis sein kann. Gesellschaftliche Zwänge treten in den Hintergrund und man wird nach und nach eins mit der Natur. Deshalb soll uns mein nächstes Filmprojekt ins Himalaya führen, zum Berg „Kailash“.

Der Kailash gilt als heiligster Berg im Tibetischen Buddhismus, Hinduismus, Jainismus und Bön. Durch die besondere Form und Lage wird er als “Berg Meru“ identifiziert (gemäß der hinduistischen und der buddhistischen Kosmologie das Zentrum des Universums) und zählt somit zu den bedeutendsten spirituellen Orten dieser Religionen. Eine Umrundung des Berges auf einem ca. 53 km langen Weg, der bis in eine Höhe von ca. 5700 Metern führt, ist die wichtigste Pilgerreise für Anhänger dieser Religionen. Vorgebliches Ziel jedes Buddhisten sei es, den Kailash 108-mal zu umrunden. Wer dieses schafft, der erlangt nach buddhistischer Lehre die unmittelbare Erleuchtung. Als besonders verdienstvoll gilt die Umrundung des Kailash durch Niederwerfen und damit Ausmessen des Weges mit der ganzen Körperlänge. Das kann schon mal etwa drei Wochen dauern...

Für dieses Film- und Performanceprojekt möchte ich als Hightech-Pilger, ausgestattet mit modernster „Outdoor-Extremkleidung“, die für die Begebenheiten dieser „Expedition/Performance“ modifiziert wird, den Kailash in der traditionellen Weise durch das Ausmessen des Weges mit meiner Körperlänge zurücklegen.

Neben den traditionellen Pilgerfahrten, vor allem der Tibeter, zum heiligen Berg Kailash nimmt nach der touristischen Öffnung Chinas der Trekkingtourismus von internationalen Reiseveranstaltern immer mehr zu. Dies veranlasste die chinesische Regierung 2003 dazu, eine Piste um den Berg entlang des 53 km langen Pilgerweges zu planen und mit Vorarbeiten zu beginnen. Aufgrund der internationalen Proteste wurde das Projekt 2004 gestoppt. Bisher gibt es nur im Süden und Südwesten des Bergmassivs Pisten, die die An- und Abreise der Pilger erleichtern. Die zunehmende Zahl von Touristen wirkt sich inzwischen auch auf die Umwelt negativ aus. 2002 wurde mit ca. 200.000 Pilgern ein vorläufiger Höhepunkt erreicht. Zusätzlich wurden in den Unterkunftsstätten am Kailasch ca. 9000 Touristen registriert.

In den letzten Jahren war aber auch in Europa verstärkt festzustellen, dass Pilgerreisen immer häufiger Ziel von „Suchenden“ sind. Alleine auf dem Jakobsweg wurden im letzten Jahr von knapp 150.000 Menschen gezählt und in diesem Jahr soll die Zahl der Pilger weit über 200.000 liegen. Auch hat spätestens seit der `68er-Bewegung die spirituelle Suche nach dem Sinn des Lebens und die Suche zu sich selbst außerhalb des Christlichen Glaubens in der westlichen Gesellschaft stark zugenommen.

Aber auch Bergsteigen, Trekkingtouren und andere Naturerlebnisse in den Bergen jeglicher Art versprechen Ausgeglichenheit für den Alltag und Selbstfindung. Extremsportarten finden dabei immer häufiger den Zuspruch. Egal, ob es um die Besteigung von den 8.000’er dieser Welt, oder um die Erstbesteigung einer schwierigen Kletterroute; die Grenzen zwischen sportlichem Ehrgeiz, dem Kampf mit sich selbst und dem Berg, so wie die Selbstfindung in Extremsituationen sind verschwimmend.

Aber der Film soll mehr werden, als ein reiner Bergfilm, der die Geschichte von Erfolg oder Scheitern erzählt und die Suche nach sich selbst verdeutlicht. Auch soll er nicht nur die Dokumentation einer gewagten Performance werden. Sehnsüchte werden hier ad absurdum geführt, aber gleichzeitig wird die unglaubliche Schönheit dieser Region gezeigt. Durch einen langsamen Schnitt wird der Betrachter meditativ in Bann gezogen, Zeit, Realität, und aufkommende Fragen nach Sinn und Zweck dieser „Pilgerreise“ werden, wie auch schon bei meinem letzten Film „Sand am Meer“, nach und nach in den Hintergrund gestellt...
Dabei wird der Film cinematografische Techniken und Mittel nutzen, um uns mit einer einnehmenden Poesie auf angenehm verwirrende Art und Weise von einer Reise zu erzählen. Einer absurden Reise, auf der im Grunde wenig passiert und nichts gemacht wird, außer kontinuierlichem „sich fortbewegen“. Der Film wird erzählerisch fotografiert und mit dramaturgisch arbeitender Musik unterlegt werden. Filmische Mittel werden thematisiert und sorgen für eine Stimmung, keinen Plot. Ca. eine halbe Stunde lang werden wir „Schritt um Schritt“ dem Protagonisten folgen. Ein Film ohne Handlung, der mit klassisch filmischen Mitteln doch eine Erzählung entwickelt. Einem Gedicht vielleicht näher als einer Geschichte. Auf keinen Fall Dokumentation. Nicht reine Dokumentation jedenfalls; im Mittelpunkt steht ja doch die Reise, die Aktion, die tatsächlich stattfand. Schließlich bin ich kein Schauspieler. So wird das Medium Reise vom Film mediatisiert und der Zuschauer – irritiert ob der Schwierigkeiten in der Kategorisierung – wird irritiert und folgt den Bildern. Ein Film wie Musik – Materialität, Medium, Inhalt, Poesie. Zwischen Kino, Kunst und Performance. Eine cinematografische Bildergeschichte.

Mit diesem Projekt knüpfe ich an frühere Arbeiten an, die auf ähnlichen Fragestellungen basieren. Die Fotoinstallation „Hugo Boss/Sarek“ entstand während einer 10-tägigen Wanderung durch den Sarek Nationalpark, der sich nördlich des Polarkreises befindet und zu den wildesten und einsamsten Gebieten Europas zählt. Während der gesamten Expedition trug ich einen Anzug der Marke Hugo Boss, ich durchquerte Flüsse, erklomm Gipfel und durchquerte unberührte Landschaften. Die Fotografien lassen an professionelle Werbeaufnahmen für einen Survivaltrip für Manager denken. Doch diese Oberflächlichkeit wird gebrochen durch das Wissen um die Extremsituation, welcher der Protagonist während seiner Reise tatsächlich ausgesetzt war.

Auch die Videoarbeit „50°06’59,50“ N / 8°40’35,30“ 0“(2007) zielt auf die scheinbar unüberbrückbare Distanz zwischen Mensch und Natur ab. In dieser Aktion lieferte ich mich nicht selbst der Natur aus, sondern ich fügte umgekehrt die Wildnis in die urbane Stadtlandschaft ein. Mit Hilfe eingeschmuggelter Naturmaterialien verwandelte ich eine Suite des Hilton Hotels in Frankfurt für eine Nacht in eine Waldlichtung. Rollrasen, Steckbäumchen und Igluzelt werden hier zur Naturkonserve für den erfolgreichen Geschäftsmann, der seine Sehnsucht nach wahrer Naturerfahrung bei Kerzenschein, Tütensuppe und mit Vogelgezwitscher vom MacBook vor der Frankfurter Skyline auslebt.

Bei meinem letzten Projekt in Sand am Meer durchquerte ich in Surferoutfit und mit Surfbrett unterm Arm die Sahara. Ein Kommentar zu Abenteuerurlaub, Outdoor light, zu dem in zivilisatorischen Häppchen präsentierten Abenteuer.